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    Einweihung des Denkmals am Bahnhof

    „Wir wollen das nicht vergessen!“

    Dieser Kerngedanke zieht sich wie ein roter Faden durch die Entstehungsgeschichte des Denkmals am Bahnhof zur Erinnerung an die 62 KZ-Toten auf der Heidebahn. Nach mehrjähriger Planungs- und Bauphase wurde die Gedenkstätte am 31. März 2019 in einem feierlichen Rahmen eingeweiht und der Öffentlichkeit vorgestellt.

    Bürgermeisterin Meike Moog-SteffensDie Einweihung des Denkmals begann mit einer Schweigeminute zum Gedenken der unbekannten Toten, die auf dem neuen Friedhof ruhen. Bürgermeisterin Meike Moog Steffens legte am Grabmal ein Gesteck nieder.

    Die etwa 120 Anwesenden, unter ihnen Landrat Manfred Ostermann, bewegten sich anschließend zu Fuß auf die andere Bahnsteigseite, von wo ein kleiner Pfad zum Denkmal führt.

    re.: Bürgermeisterin Meike Moog-SteffensHier begrüßte Bürgermeisterin Meike Moog-Steffens die vielen Ehrengäste sowie die Sponsoren und Spender. Sie berichtete, dass der Prozess zum Bau des Denkmals auf einen Vorschlag des Bürgerbündnisses „Bunt statt Braun“ gegen Radikalismus und Extremismus für einen Ideenwettbewerb im Jahr 2014 zurückging und meinte, dass die Auswahl für die Ausführung des Denkmals schwergefallen sei, denn viele andere Modelle waren gleichwertig gut. An dem Ideenwettbewerb hatten Schülerinnen und Schüler der Kooperativen Gesamtschule Schneverdingen mit ihren Kunstlehrerinnen Eva Rüggeberg und Constanze Vagts teilgenommen.

    Dr. Heiner Wajemann und Tamara DeuterVon einer Fachjury, der unter anderem Dr. Jens-Christian Wagner angehörte, wurde unter vielen guten Modellen der Entwurf von Tamara Deuter zur Realisierung vorgeschlagen. Grundlage dafür waren die schrecklichen Ereignisse entlang der Heidebahn, wie sie in dem Buch „Nur Gott der Herr kennt ihre Namen – KZ-Züge auf der Heidebahn“ dokumenteiert wurden.

    Seither wurde der Gestaltungsprozess mit einem Veranstaltungsprogramm mit Lesungen,  Konzerten, Theateraufführungen, Vorträgen und Filmvorführungen durch die Gruppe GeDenkMal begleitet. Die Bürgermeisterin brachte ihre Hoffnung zum Ausdruck, dass dieser Ort der Erinnerung und Mahnung ein unverzichtbarer Lernort einer historisch fundierten Demokratieerziehung wird.

    Ratsvorsitzender Dieter MöhrmannIn Anlehnung an die Gedenktafel auf dem Friedhof wählte auch Ratsvorsitzender Dieter Möhrmann die Überschrift „Wir wollen das nicht vergessen“ für seine Rede. Wir hätten allen Grund, dieses Versprechen gerade bei uns in Schneverdingen immer wieder zu erneuern. Nicht erst das provokante Auftreten der „Snevern Jungs“ beim Volkslauf zum Heideblütenfest und die Hinweise auf deren rechtsradikale Provokationen und des nicht Wahrhaben-Wollens der Verbrechen der Nazizeit weise auf die schwierige Erinnerung und Auseinandersetzung mit dem Geschehen an der Heidebahn hin. Aus diesem Grunde sei auch die Inschrift des Gedenksteines geändert worden. „Wir müssen dazu stehen, dass nicht nur ein anonymes verbrecherisches Regime verantwortlich war“, sagte der Ratsvorsitzende. Viele Menschen, auch in Schneverdingen hätten vieles gewusst und „mitgetan“ oder stillschweigend akzeptiert und wir selbst wüssten nicht, ob wir anders gehandelt hätten.

    Es bliebe die Frage offen, warum es zu diesem Ausmaß an Unmenschlichkeit kam, warum widersprachen und wiederstanden nur wenige? Was müssten wir heute tun, damit Geschichte sich nicht wiederhole?

    „An dieser Stelle gedenken zukünftig alle Generationen unserer Stadt all derer, die an diesem Bahnhof begraben wurden oder auf der Heidebahn umkamen. Sie wurden nicht nur hier, sondern überall in Europa Opfer eines verbrecherischen Regimes“, so der Ratsvorsitzende. „Unser Land hat schwere Schuld auf sich geladen“ zitierte er Bundespräsident Steinmeier.

    Leiter der Stiftung Niedersächsische Gedenkstätten Dr. Jens-Christian WagnerAnschließend sprach Dr. Jens-Christian Wagner, Geschäftsführer der Stiftung Niedersächsische Gedenkstätten. In der Öffentlichkeit würden die KZ bis heute als isoliert wahrgenommen, tatsächlich seien sie Teil der sie umgebenden Gesellschaft gewesen. Besonders als die SS die KZ auflöste, habe der Anblick zerlumpter, halb verhungerter Elendsgestalten, die durch die Ortschaften getrieben wurden, überall im Reich zum Alltag gehört. In der Lüneburger Heide habe die Heidebahn als wichtigste Verbindung nach Bergen-Belsen eine besondere Rolle gespielt.

    Insgesamt starben 1944/45 während der Lagerräumungen in Transportzügen, auf Fußmärschen oder in Auffanglagern mehr als eine Viertel Million Häftlinge – mehr Menschen, als zwischen 1933 und 1943 in den Konzentrationslagern zu Tode kamen. In der frühen Forschungsliteratur sind die Todesmärsche häufig als ein Kapitel des Holocaust, also der Ermordung der europäischen Juden, erzählt worden. Weitgehend übersehen wurde dabei, dass die Täter während der Räumungen kaum einen Unterschied zwischen jüdischen Häftlingen, Sinti und Roma und politischen oder als kriminell, asozial oder homosexuell ins KZ eingewiesenen Gefangenen machten.

    Der Hauptgrund für die Räumung der Lager im Frühjahr 1945 dürfte gewesen sein, dass die Häftlinge nicht nur von der SS, der Partei und der Polizei, sondern auch von vielen „normalen“ Deutschen als Gefahr für die öffentliche Sicherheit wahrgenommen wurden. Die Befreiung der Häftlinge versuchten sie daher zu verhindern – und dies umso mehr, als sie fürchteten, die Häftlinge würden nach ihrer Befreiung in den Städten plündern, morden und brandschatzen.

    Die NS-Propaganda, die die Lagerinsassen als Gefahr für die öffentliche Ordnung präsentierte, hatte ihre Wirkung hinterlassen – nicht nur bei überzeugten Nationalsozialisten, sondern auch bei vielen ganz normalen „Volksgenossen“.

    In jedem Fall zeige die Geschichte der Todesmärsche mit aller Deutlichkeit, dass die Verbrechen eben nicht nur irgendwo im diffusen „Osten“ oder hinter Wäldern und Bergen versteckt begangen wurden, sondern inmitten der deutschen Bevölkerung, vielfach vor der eigenen Haustür. Und sie zeige, dass der Kreis der Täter weit über die SS hinausging und deren Motivation weit über spezifisch nationalsozialistische ideologische Prägungen hinausreichte. Das ist der eigentlich beunruhigende Befund: „Es ist geschehen, und folglich kann es wieder geschehen. Darin liegt der Kern dessen, was wir zu sagen haben“, schrieb Primo Levi. Dazu beizutragen, dass es nicht wieder geschieht, das sei unsere Aufgabe.

    v. l.: Adolf Staack, Hanna Wehmeyer, Antje Klingbeil, Uwe Nordhoff, Bürgermeisterin Meike Moog-Steffens und Landrat Manfred OstermannIm Bahnhofsgebäude fand die Veranstaltung ihre Fortsetzung und ihren Abschluss.
    Adolf Staack und Uwe Nordhoff als Autoren lasen aus der Neuauflage ihres Buches „Nur Gott der Herr kennt ihre Namen“, unterstützt durch Antje Klingbeil und Hanna Wehmeier.

    Im Raum hängen Porträts von Widerstandskämpfern, die der Hamburger Maler Otto Quirin für die Einweihung des Denkmals zur Verfügung gestellt hatte.

    Raimund Wartenberg (Geige) und Peter Heller (Piano)Umrahmt wurde die Lesung von Raimund Wartenberg (Geige) und Peter Heller (Piano). Sie spielten Klezmermusik. Der Begriff Klezmer ist die Transkription der jiddischen Worte für Gefäß und Lied aus dem Hebräischen. Die 100 Menschen im Bahnhof zeigten, dass die Schneverdinger den Anspruch des Denkmals „Wir wollen nicht vergessen“ mittragen.